Kritik: Scannerpersönlichkeits-Test von John Williams (Screw Work Let’s Play)

John Williams, Autor des Buchs „Screw Work Let’s Play“ hat ebenfalls einen „Scannerpersönlichkeits-Test“ veröffentlicht. Allerdings auf englisch. Weil der „Test“ so einfach ist, zitiere ich in mal und paraphrasiere ihn anschließend ins Deutsche:

  1. You have creative ideas all the time, whether it’s for a book, a TV show, an art project, a website, a business, starting a movement, creating a brand, or writing a bestseller
  2. You love to learn about new subjects and ideas and then quickly move on to something else
  3. You have loads of seemingly unrelated interests
  4. Trying to choose between all your ideas, interests and projects stresses you out
  5. The thought of concentrating on one single topic for the rest of your life horrifies you
  6. You start lots of projects but don’t always finish them before you get into something else

If you can say yes to two or more of these qualities, then you are a scanner!

Man muss also nur zwei von sechs Punkten mit Ja beantworten, dann ist man definitiv ein Scanner. Erstaunlich. Und eine Aussage, die man im deutschen Sprachraum so nicht finden wird. Das Heilmittelwerbegesetz verbietet nämlich Veröffentlichungen, die zu Selbstdiagnosen verleiten könnten.

Ins Deutsche übertragen lassen sich die sechs Punkte wie folgt aufs wesentliche reduzieren:

  1. Du hast ständig kreative Ideen aller Art.
  2. Du liebst es, Neues zu lernen, und dann schnell etwas anderes zu machen.
  3. Du hast viele, scheinbar unzusammenhängende Interessen.
  4. Dich zwischen all deinen Ideen, Interessen und Projekten entscheiden zu müssen löst bei dir Stress aus.
  5. Der Gedanke, dich für den Rest deines Lebens auf ein einziges Thema zu konzentrieren, findest du entsetzlich.
  6. Du fängst eine Menge Projekte an aber du beendest sie nicht immer, bevor du dich mit etwas Neuem befasst.

Schon bei entfernter Betrachtung dürfte offenbar werden, das wohl kaum ein Leser nicht wenigstens zwei zutreffende Merkmale findet. Hier wird besonders deutlich, wie schwammig und gleichzeitig allgemeingültig die Definition von Scannerpersönlichkeit ist, wenn man sie auf Ihre wesentlichen Merkmale herunterbricht, wie in diesem Test geschehen. Man muss schon sehr arglos sein, wenn man diesem Test auch nur die geringste Bedeutung beimisst.

Zur Einzelkritik:

  1. Kreative Ideen hat sicher jeder. Das man sie ständig (also immer wiederkehrend) hat, wird wohl auch kaum einer für sich bezweifeln. Bleibt also die Frage nach der Kreativität, und wie man Ideen als mehr oder weniger kreativ beurteilen soll? Ich denke, die meisten stellen sich darunter ungewöhnliche Lösungswege oder etwas von der Normalität entrücktes, verdrehtes, künstlerisches vor. Spontan würde hier wohl jeder Ja sagen. (Ja: 1, Nein: 0)
  2. Etwas Neues Lernen lieben doch viele. Inwieweit das „schnell etwas anderes machen“ da reinspielt und welche Bedeutung das haben soll, erschließt sich mir nicht. Solange man das Lernen liebt, wird man wohl weiter lernen. Wenn ein anderer Reiz dazukommt, der stärker als das „Neues Lernen“ ist, oder vielleicht selber einfach „etwas anderes Neues Lernen“ darstellt, dann wird man das andere machen. Ob und wie schnell man den Wechsel vollziehen muss, bleibt offen. Es kann augenblicklich sein, oder sich 4 Wochen mit neuem befassen um von einem Tag auf den anderen etwas neues anzufangen. Persönliche Beispiele dafür zu finden, dürfte jedem leicht fallen. (Ja: 2, Nein: 0)
  3. Viele unzusammenhängende Interessen. Wie viel sind viele? Viel ist quantitativ nicht erfassbar, daher subjektive Auslegungssache. Ich konnte bislang bei jedem Menschen, den man genauer kennen lernt, vielseitige Interessen feststellen. Es sollte sich also für praktische jeden ein klares Ja ergeben. Ich persönlich? Spiele, Programmierung, Astronomie, Chemie, Technik, Naturgewalten, Esoterik-Kritik, Gedichte, Modelleisenbahn. Dabei würden mich wohl andere eher einseitige als Programmierer und Spieler bezeichnen – die Hauptmerkmale. Sprich: dieser Punkt lebt gerade davon, das wir anderen Menschen diese Vielfältigkeit, die uns allen inne wohnt, gar nicht zusprechen. Klares Ja! (Ja: 3, Nein: 0)
  4. Sich entscheiden müssen, noch dazu zwischen Dingen, die man alle gerne tun möchte, fällt vielen schwer. Inwieweit das Stress auslöst bleibt dem subjektiven Empfinden überlassen. Wer sensibel ist oder sich dafür hält, wird hier eher Ja sagen als jemand, der mit Gelassenheit der Welt gegenüber steht. Ich tippe auf ein Nein. (Ja: 3, Nein: 1)
  5. Sich für den Rest des Lebens auf eine Sache festlegen? Sehr lustig, niemand mag das. Vor allem ist es ein Gedankenspiel, das so niemals nie eintreten wird. Der Gedanke ist jedem ein ganz natürlicher Graus. Klares Ja! (Ja: 4, Nein: 1)
  6. Sicher kennt jeder Beispiele, wo er/sie ein neues Projekt angefangen aber nicht beendet hat, weil etwas anderes, wichtigeres, dringenderes, aufregenderes dazwischen kam. Und mit Sicherheit kennt man auch dieses schlechte Gewissen, das nagende Gefühl, wenn man ein solches Projekt mit großen Enthusiasmus anfängt aber dann doch nicht zu Ende bringt. Vor allem, wenn so etwas häufiger passiert. Ich erwähne das, weil dies eines der Hauptprobleme von Scannerpersönlichkeiten sein soll. Auch wenn es in Williams‘ Liste gar nicht erwähnt wird, es läuft letztlich darauf hinaus. Vermeintliche Scannerpersönlichkeiten suchen in erster Linie nach einer Begründung für die Tatsache, das sie nicht alles zu Ende bringen. Meine Antwort: das ist vollkommen menschlich und ziemlich normal. Diese Projektabbrüche, aus welchen Gründen auch immer, wird man sowohl bei fahrigen wie gut organisierten, fokussierten Persönlichkeiten finden. Klares Ja! (Ja: 5, Nein: 1)

Mit einem Ergebnis von 5:1 Ja Stimmen wäre ich (und Sie sicher auch) definitiv eine Scannerpersönlichkeit!

Allein daran erkennt man schon sehr, sehr deutlich wie viel die Definition Scannerpersönlichkeit der Psychologie bzw. allgemein der Menschheit beizutragen hat: gar nichts.

Und wenn das als Aussage nicht genügt, der vergleiche doch obigen Quatschtest der Marke „Welcher Star Wars Charakter bin ich?“ mit einem „echten“ Persönlichkeits-Schnelltest (16PF, englisch), der aber letztlich auch nur eine grobe Aufteilung von Persönlichkeitsmerkmalen zulässt. Mit Sicherheit nichts definitives.